Kürzlich in der Metro. Zwei Frauen – sie waren für einen Opernbesuch zurechtgemacht – unterhielten sich darüber, dass die Hälfte ihrer Freundinnen an der Grippe erkrankt ist und sie deshalb heute nicht mit ins Theater kommen würden. Ich musste schmunzeln, denn auch ich war auf dem Weg in die Oper und machte mir so meine Gedanken darüber, wie viele Plätze im Saal wohl heute unbesetzt blieben. Umso erstaunlicher war es dann, dass nur sehr wenige Plätze nicht besetzt blieben. Stattdessen stellte sich schon bald nach dem Beginn der Vorstellung ein Konzert ganz andere Art ein.

Schon wenige Minuten nach den ersten Takten der Musik begannen die ersten um mich herum zu husten und zu nießen, sich die Nase zu putzen, mit Bonbonpapier zu knistern und wieder zu husten. Trockener Husten, Schleimhusten, Erstickungshusten, laute Husten, leise Husten, ganze Hustenanfälle. Kurz und gut: Der Abend war ruiniert, nicht nur für diejenigen Besucher, die es gesund in ins Theater geschafft haben, sondern auch für die Künstler auf der Bühne.

Mir fielen in diesem Augenblick wieder die beiden Frauen aus der U-Bahn ein. Was in denen wohl angesichts der kranken Masse um sie herum vorgeht?

Meine lieben kranken Theaterbesucher: Ich kann ja verstehen, dass Sie viel Geld für Ihre Konzertkarten ausgegeben haben. Auch kann ich verstehen, dass, wenn nur schwer Karten für eine Veranstaltung zu bekommen sind, Sie sich das Vergnügen nicht nehmen lassen möchten. Aber einen Gefallen tun Sie sich damit nicht. Ganz zu schweigen davon, dass es respekt- und rücksichtslos dem übrigen Publikum gegenüber ist und natürlich den Künstlern gegenüber, die ihr Bestes auf der Bühne geben, um Ihnen und allen anderen ein besonderes Erlebnis zu garantieren.

Der oder die Künstler erfahren durch Sie eine Missachtung ihrer Kunst. Ja, meine Lieben. Wenn Sie die Künstler stören oder gar unterbrechen, indem Sie sich einem Hustenkonzert im Publikum anschließen oder es sogar einleiten, sollten Sie sich Gedanken darüber machen, wie Sie sich fühlen würden, wenn Sie anstelle des Künstlers auf der Bühne stünden. Wäre ich Künstler, würde ich die Herrschaften im Publikum, die es für nötig halten, krank ins Theater zu kommen, bitten, den Saal zu verlassen und nicht länger die Vorstellung zu stören. In manchen Theatern dieser Welt ist das tatsächlich eine gängige Praxis.

Zum anderen aber laufen Ihre Nachbarn auch noch Gefahr, sich mit Ihren Viren anzustecken. Interessiert Sie das nicht im Geringsten?

Eine Theaterveranstaltung ist immer ein gemeinschaftliches Ereignis. Daran sollten Sie denken, bevor Sie sich dazu entscheiden, mit einer Grippe oder Erkältungskrankheit diese Gemeinschaft zu stören.
Wenn ich mich an die beiden Frauen aus der Metro zurückerinnere und mir vorstelle, dass die beiden einen angenehmen Theaterabend verbringen wollten, ihre Freundinnen bedauerten, die aus Rücksicht auf Publikum und Künstler mit ihrer Krankheit zu Hause geblieben sind und nun enttäuscht und vielleicht mit Viren im Gepäck nach Hause fahren, dann finde ich das traurig.

Aus Respekt anderen gegenüber und aus gegenseitiger Rücksichtnahme bestehen die Grundlagen sozialer Kompetenz, für jeden nachvollziehbar, für alle erlernbar, und vor allem: Jeder von uns möchte doch mit Respekt und Rücksicht auf sein Empfinden behandelt werden, nicht wahr? Warum nur gelingt es so vielen nicht, Gleiches mit Gleichem zu zollen? Warum beanspruchen einige für sich, mit Verständnis und Rücksicht behandelt zu werden und schaffen es gleichzeitig nicht, anderen die gleiche Aufmerksamkeit entgegenzubringen?

Wie wäre es denn, liebe kranke Theaterbesucher, wenn Sie das nächste Mal darauf verzichten, krank ins Theater zu gehen und stattdessen jemand anderen eine Freude zu machen und Ihre Karten an den netten Nachbarn beispielsweise oder der Lehrerin Ihres Sprösslings oder der Bäckerfrau von nebenan weiterzugeben. Dann ist das obendrein noch eine nette Geste.

Gute Besserung wünscht Ihnen

Angela Spangenberg-Struckmeyer